Unsere heimatlosen Kinder
- Ulrike Schöllhorn
- 19. Apr.
- 2 Min. Lesezeit

In den vergangenen Jahren meiner Therapiearbeit, beobachtete ich eine Verwundung unter den Menschen, die von ihnen zu wenig beachtet wird. Natürlich bemerken sie, dass etwas nicht stimmt. Sie können nicht mehr schlafen, sie konsumieren zu viele Medien oder Alkohol oder treiben ins Extreme Sport. Sie kämpfen mit der Langeweile, verstehen ihre Lebenspartner nicht mehr und übersehen ihre wässernde Wunde.
Also beginnen sie, sich mit ihren Finanzen zu beschäftigen, sich in sämtlichen Bereichen zu ver- bzw. abzusichern oder sich ein bisschen in Chats, auf Tinder, Onlyfans und in Swingerclubs zu vergnügen.
Andere lieben das Reisen, sparen für den nächsten Urlaub hängen ihren Hobbys nach, vergrößern ihr Haus und sind damit beschäftigt, auf der Arbeit immer dem neusten Stand ein bisschen voraus zu sein. Man möchte ja nicht der nächste Mitarbeiter sein, der entlassen werden könnte. Alles Dinge, die die meisten Menschen nachvollziehen können.
Daneben gibt es immer mehr Kinder, die ADHS oder eine psychische Erkrankung haben. Auch das ist nachvollziehbar, denn oft leidet nicht nur das betroffene Kind, sondern die ganze Familie darunter.
Ich begann mich irgendwann zu fragen, was die Ursache all dieses Leids sein könnte und hatte den Eindruck, dass viele Kinder heimatlos geworden sind.
Wenn ich mich heimisch fühle, dann denke ich nicht nur an ein Gebäude, in dem ich wohne. Ich denke an eine Gemeinschaft, an Menschen, die sich mir zuwenden, die mir zuhören und mich nicht dazu erziehen möchten, dass ich nach den Bedingungen meiner Bezugspersonen "funktioniere": Im Gegenteil- die Erwachsenen tragen die Verantwortung, sich in ihrer Individualität zurückzunehmen- nicht gänzlich, versteht sich, doch ein wenig mehr als das Kind, solange das Kind in seiner Entwicklung ist.
Es geht darum, Forderungen in Fragen umzuwandeln.
Es geht darum dem Kind zu vertrauen, dass es lernen möchte und wird, was für es nötig ist.
Es geht darum, sich in das Kind hineinzuversetzen, es zu beobachten, still zu werden und festzustellen, was das Kind mich lehrt.
Das Kind ist mir geschenkt worden, damit auch ich mich noch weiterentwickeln kann.
Es geht darum dem Kind anstatt Quantität Qualität zu schenken, anstatt ihm Spaß und Unterhaltung "anzubieten" mit ihm in die Welt des Staunens und der Freude einzutauchen. Denn Unterhaltung bedeutet, dass wir die Emotionen des Kindes "unten-halten". Wenn wir aber mitstaunen und uns mitfreuen, unterstützen wir die Neugierde des Kindes, was es braucht, um die Welt zu erkunden und seinen Platz darin zu finden!
Und wenn es seinen Platz gefunden hat, dann fühlt es sich sicher. Dann findet es Heimat- in sich und in uns- seiner Familie.
Das ist die größte Zufriedenheit, die wir Eltern verspüren können, wenn wir merken, dass das Kind in und bei uns Heimat findet.
Dass das gelingt, geht einfacher, als wir glauben.
Anstatt durchtrainierte Körper zu haben oder gemachte Fingernägel, anstatt von einem Event oder Urlaub zum anderen zu eilen, anstatt sich für den Chef krumm zu buckeln und dafür den Perfektionismus ein wenig zu verringern, anstatt uns im Internet zu verlieren, können wir uns mit der geschenkten Zeit mit Neugierde und Offenheit unseren Kindern zuwenden und mit herzlicher Aufmerksamkeit für sie da sein. Damit ist nicht gemeint, dass wir uns in die Kinder verlieren und uns selbst aufopfern. Gemeint ist,uns die Chance zu geben, den Schatz zu entdecken, der direkt vor unseren Augen wächst.
Beheimatete Kinder sind das wahre Gold der Erde!



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